Emilys Geschichte
Das Leben hinter dem Bild

Hallo, mein Name ist Emily Dwight Lyman. Ich wurde am 7. Oktober 1834 in Ann Arbor, Michigan, geboren und bin mit 19 Jahren am 3. Juli 1854 in Philadelphia gestorben.
Dass ich heute, nach so langer Zeit, noch zu dir sprechen kann, verdanke ich einer kleinen Daguerreotypie. Das ist eine Fotografie auf einer versilberten Kupferplatte – seitenverkehrt, ein einzigartiges Original –, die sich zusammen mit einer Locke meines Haares in einem feinen Lederetui befindet. Das Bild selbst ist winzig, kaum größer als eine Briefmarke, aber es fängt einen echten Augenblick meines Lebens ein. Um 1850 herum ließen sich unzählige Menschen auf diese Weise festhalten. Die meisten dieser Bilder sind für immer verloren, doch einige wenige haben die Jahrhunderte überdauert.
Ich war ein ganz normales Mädchen aus jener Zeit. Kein berühmter Maler wie Leonardo da Vinci oder Vermeer hat mich porträtiert, und auch kein berühmter Fotograf wie Nadar stand hinter der Kamera. Ich wäre wohl längst völlig vergessen, wenn mein Name, mein Sterbetag und mein Sterbeort nicht handschriftlich im Inneren des Etuis festgehalten worden wären.
Und genau darin liegt das eigentliche Geheimnis: Vielleicht bin ich gerade deshalb so interessant für dich, weil ich eben keine berühmte Künstlerin, bedeutende Wissenschaftlerin oder historische Persönlichkeit war. Ich bin im Grunde genau wie du. Wenn du mein Gesicht betrachtest, blickst du in den Spiegel einer ganz normalen Existenz. Mein Schicksal wirft eine Frage auf, die uns alle verbindet und die tief berührt: Was bleibt eigentlich von uns, wenn wir gehen?
Meine Geschichte zeigt, wie flüchtig das Leben ist und wie schnell die Spuren eines Menschen im Strom der Zeit verblassen. Fragst du dich nicht auch manchmal, welche Fährte du auf dieser Erde hinterlassen wirst? Werden sich deine Nachfahren in der dritten oder vierten Generation noch an dich erinnern oder sich für dein Leben interessieren? Wird überhaupt noch etwas aus deiner heutigen Welt existieren? Meine Lebensgeschichte war einzigartig – genau wie deine es ist und wie die von unzähligen anderen Seelen, die vor uns lebten, starben und längst vergessen sind. Dass ein so kleines Stück Metall und eine Haarlocke ausreichen, um die Zeit zu überwinden, grenzt an ein Wunder.
Wenn ich dir aus meiner Welt erzählen darf, dann beginnt alles bei den Menschen, die mich prägten: Mein Vater Theodore Dwight Lyman arbeitete einst bei der Farmers’ Bank in Belchertown, Massachusetts. Es war ein dunkles Kapitel, denn diese Bank stellte wegen einer gescheiterten Spekulation ihre Zahlungen ein, und durch den Zusammenbruch verloren sehr viele Menschen ihr gesamtes, hart verdientes Geld. Mein Vater verließ den Ort unter schwerem Verdacht. Nach Stationen als Kaufmann im mexikanischen Matamoros und meiner Geburt in Michigan verstarb er schließlich im März 1845 in Ann Arbor.
Dieses Jahr 1845 sollte ein grausames Schicksalsjahr unserer Familie werden. Nur wenige Monate nach dem Verlust meines Vaters schlug der Tod erneut zu: Am 29. August 1845 starb meine geliebte Schwester Abby Eliza während ihrer Schulzeit in Cambridge im Alter von nur 14 Jahren, einen Tag vor ihrem 15 Geburtstag. Ich war damals selbst erst zehn Jahre alt und verlor innerhalb eines einzigen Jahres meinen Vater und meine Schwester.
Der frühe Tod war in meiner Familie ohnehin ein ständiger Begleiter. Von den Kindern meines Vaters erreichte keines das Erwachsenenalter. Schon vor meiner Geburt starben mein Bruder Jonathan Dwight im Alter von drei Jahren und meine Halbschwester Abigail Hall mit fünf Jahren. Und schließlich gab es noch einen jüngeren Bruder, der im Oktober 1836 kurz nach seiner Geburt von uns ging. Vier Geschwister musste ich gehen sehen, bevor ich selbst an der Reihe war.
Nachdem meine Mutter Julia Diantha in jenem bitteren Jahr 1845 Witwe geworden war, blieben nur noch wir beide übrig. Allein und vom Schicksal geprüft, suchten wir Zuflucht in Philadelphia. Dort spannte sich ein warmes familiäres Netz um uns: Meine Tante Emily Dwight Beck, nach der ich wohl benannt wurde, lebte dort mit ihrem Mann Henry Paul Beck. Wir waren so eng miteinander, dass meine Mutter und ich im gemeinsamen Haushalt der Familie Beck wohnten und tatkräftig von ihnen unterstützt wurden.
Es muss an einem hellen Tag gewesen sein, als ich die Treppe zum Atelier des Daguerreotypisten Charles Evans in der Market Street hinaufstieg. Ich erinnere mich, wie ich stillsitzen und den Blick starr auf einen festen Punkt richten musste, während eine verborgene Stütze meinen Kopf hielt, damit das Licht mein Gesicht scharf auf die Silberplatte zeichnen konnte. Evans bettete das fertige Bild auf Samt in das Etui.
Wenig später, im Sommer 1854, holte mich mit 19 Jahren eine schwere Krankheit ein. Mein Pfarrer William Bacon Stevens besuchte mich an meinem Sterbelager und sagte später voller Mitgefühl, mein Krankenzimmer habe „die höchste Vorstellung vom Himmel auf Erden verwirklicht“. Der Dichter Francis De Haes Janvier widmete mir ein gedrucktes Trauergedicht, in dem er an meine blauen Augen erinnerte: „Sie ist nicht tot! Solche Schönheit stirbt niemals!“
Nach meinem Tod am 3. Juli 1854 legte man meine Haarlocke zu dem Bild. Aus einem stolzen Porträt wurde ein stummes Trauerobjekt. Meine Mutter überlebte mich um viele Jahrzehnte. Sie blieb der Stadt Philadelphia zeitlebens tief verbunden, hielt die Erinnerung an mich wach und starb dort schließlich im Jahr 1899 – am selben Ort, an dem auch mein kurzes Leben geendet hatte. Bis zuletzt trugen meine Mutter und meine Tante Emily die familiäre Verantwortung gemeinsam. Doch als auch sie gingen, versank meine Geschichte für Generationen in absoluter Dunkelheit.
Dass meine Stimme heute wieder zu dir sprechen kann, verdanke ich der Neugier eines Menschen aus deiner Gegenwart. Im Jahr 2014 entdeckte Gerd Pfleiderer aus Deutschland mein kleines Lederetui auf eBay in den USA und ersteigerte es. Er spürte die tiefe Frage nach der Vergänglichkeit, die von diesem Objekt ausgeht. Im Jahr 2026 begann er, über das Internet, alte Zeitungsarchive und historische Dokumente zu recherchieren.
Schritt für Schritt hat er die Puzzleteile meiner Familie zusammengefügt. Er fand meine Todesanzeige im Philadelphia Inquirer vom 6. Juli 1854, die alten Familienchroniken und die Spuren des Ateliers in der Market Street. Durch seine Suche bin ich nicht mehr nur ein namenloses Gesicht aus der Vergangenheit. Das Licht von Philadelphia spiegelt sich wieder in den Augen der Welt – und stellt dir leise die Frage, was einmal von dir bleiben wird.
