Scheinwelten 2
Gegenüberstellung von
Daguerreotypien, dem ersten fotografischen Verfahren
und KI-generierten Bildern, 2026
Nach zwei Jahren habe ich mein Projekt erneut aufgenommen: die Gegenüberstellung von Daguerreotypien – Zeugnissen des ersten praxistauglichen fotografischen Verfahrens – und computergenerierten Bildern.
Die erste Serie entstand 2023/24. Damals war noch ein erheblicher Aufwand nötig, bis ein KI-generiertes Bild meinen Vorstellungen entsprach. In Adobe Firefly 2 musste ich unzählige Varianten erzeugen, um schließlich zu einem brauchbaren Ergebnis zu gelangen. Anschließend ergänzte ich in Photoshop mithilfe weiterer KI-Generierungen jene Bildpartien, die sich nicht zufriedenstellend prompten ließen. Typische Fehler – insbesondere bei der Darstellung von Händen – mussten einzeln korrigiert werden. In einem dritten Arbeitsschritt benötigte ich ein weiteres KI-Programm namens Fotor, um die Gesichter auf die zuvor erstellten Vorlagen zu übertragen. Nicht selten arbeitete ich einen ganzen Tag oder länger an einem einzigen Bild.
Nur zwei Jahre später, im Jahr 2026, genügte ein einziger Generierungsschritt mit ChatGPT. In weniger als einer Minute entstand das gewünschte Bild – in einer Qualität, die weder Retusche noch weitere Montage erforderte. Was für ein Fortschritt! Dieser technische Sprung ist so gewaltig, dass ich die These wage: Die klassische Werbe- und Stockfotografie steht vor ihrem Ende. Ähnlich wie die Fotografie einst die Funktion der realistischen Malerei grundlegend veränderte und sie in vielen Bereichen ablöste, wird nun die KI große Teile der kommerziellen Fotografie ersetzen.
Welche Aufgabe bleibt der Fotografie? Ihre besondere Bedeutung dürfte sie vor allem dort behalten, wo sie als Zeugnis eines realen Augenblicks verstanden wird: in der Dokumentations- und Reportagefotografie. Doch auch deren vermeintliche Wahrheit war nie neutral. Bildausschnitt, Motivwahl, Perspektive und nicht zuletzt die Absicht des Fotografen bestimmten schon immer, welchen Teil der Wirklichkeit wir zu sehen bekommen – und welchen nicht.
KI-generierte Bilder und sogenannte Deepfakes verschärfen dieses Problem grundlegend. Sie zeigen nicht nur eine ausgewählte oder inszenierte Wirklichkeit, sondern können Ereignisse erschaffen, die niemals stattgefunden haben. Vor allem über weitgehend unkontrollierte Kanäle und soziale Netzwerke verbreitet, werden sie zunehmend dazu eingesetzt, unsere Wahrnehmung der Realität gezielt zu beeinflussen. Gerade deshalb werden glaubwürdige, unabhängige und journalistisch verantwortungsvolle Medien in Zukunft noch wichtiger sein.
























