Wahrnehmung
Ein Experiment über visuelle Wahrnehmung, subjektive Wirklichkeit und die Konstruktion von Bildern durch Mensch und künstliche Intelligenz.
Ausgangspunkt dieser Arbeit ist eine unscharfe digitale Camera-Obscura-Aufnahme. Sie hält eine reale Situation fest, lässt deren Einzelheiten jedoch nur schemenhaft erkennen. Formen, Konturen und Zusammenhänge bleiben uneindeutig.
Was sehen wir in einem solchen Bild? Unser Gehirn versucht, die unvollständigen visuellen Informationen zu ordnen, Bekanntes wiederzuerkennen und fehlende Details zu ergänzen. Dabei greifen wir auf persönliche Erfahrungen, Erinnerungen und Vorstellungen zurück. Jeder Betrachter kann deshalb zu einer anderen Interpretation gelangen – insbesondere dann, wenn ihm die ursprüngliche Situation unbekannt ist.
In einem weiteren Schritt wird die Aufnahme einer künstlichen Intelligenz übergeben. Sie erhält die Aufgabe, das Bild zu interpretieren und die vermutete ursprüngliche Situation möglichst scharf und realistisch darzustellen. Aus den vorhandenen Bildinformationen entwickelt sie eine eigene visuelle Vorstellung. Dabei ergänzt und konstruiert sie Details, die in der ursprünglichen Aufnahme möglicherweise gar nicht vorhanden oder erkennbar waren.
Doch lässt sich überhaupt von einer ursprünglichen, objektiven Wirklichkeit sprechen? Auch das scharfe Bild, das wir mit unseren Augen wahrnehmen, ist keine unmittelbare Wiedergabe der Außenwelt. Was wir sehen, entsteht erst durch die Verarbeitung von Lichtreizen in unserem Gehirn. Elektromagnetische Wellen unterschiedlicher Wellenlängen werden von unseren Augen aufgenommen, in elektrische Signale umgewandelt und vom Gehirn zu Farben, Formen und räumlichen Vorstellungen zusammengesetzt. Was wir als Wirklichkeit erleben, ist somit bereits eine Interpretation unserer Sinneswahrnehmung.
Die Camera Obscura übersetzt Licht in ein optisches Abbild. Unser Gehirn konstruiert daraus eine subjektive Wahrnehmung. Die künstliche Intelligenz wiederum interpretiert die vorhandenen Bildinformationen auf der Grundlage ihrer erlernten Muster und Zusammenhänge und erzeugt eine weitere visuelle Wirklichkeit.
So begegnen sich unterschiedliche Ebenen der Wahrnehmung und Interpretation. Keine davon gewährt uns einen unmittelbaren Zugang zu einer objektiven Wirklichkeit.
Das Experiment führt damit über die Frage hinaus, was eine Kamera oder eine künstliche Intelligenz aus einem Bild machen kann. Es berührt eine grundlegendere Frage: Gibt es überhaupt eine Wirklichkeit, wie sie unabhängig von unserer Wahrnehmung existiert? Oder ist das, was wir Wirklichkeit nennen, immer nur das Ergebnis unserer individuellen Möglichkeiten, die Welt zu erfassen und zu interpretieren?
Wir sehen die Wirklichkeit nicht selbst, sondern lediglich das, was unsere Sinne und unser Bewusstsein daraus machen.







































